Monthly Archives: June 2010

Ethische Führung = “Weich” Führen?

Am Freitag habe ich für eine Untersuchung der LMU München ein Interview zum Thema ethische Führung gegeben. Ziel ist es über verschiedene Unternehmens/-Organisationsformen hinweg grundlegende Gemeinsamkeiten der ethischen Führung zu erkennen.

Was mir aufgefallen ist: ethische Führung wird häufig mit kooperativer bzw. konsensorientierter Führung gleich gesetzt. Diese Definition ist meiner Meinung nach ungenügend. Daran ist wahrscheinlich auch schuld, dass Ethik als Begriff eher mit “weichen” Weltverbesserern gleichgesetzt wird, die im Stuhlkreis realitätsfernen Utopien nachhängen. Ich würde den gleichen Inhalt eher als menschgerechter oder menschorientierter Führung umschreiben.

Ethische Führung hat für mich daher eher was mit einer inneren Grundhaltung zu tun. Und dabei spielen Werte wir Respekt, Transparenz, Vertrauen, Fairness, Authentizität, Nachhaltigkeit etc. eine Rolle. Diese Eigenschaften können sich aber in verschiedenen Führungsstilen z.B. wie einem autoritären oder einem partizipativen zeigen.

Welcher dieser Stile eingesetzt werden sollte, hängt vom Kontext und aktueller Situation ab. Einflussfaktoren sind dabei z.B. Art des Unternehmens (Startup oder Konzern), Bildungsgrad der Mitarbeiter, Tätigkeiten, Marktgegebenheiten, Wettbewerbssituation etc. In Krisensituationen ist z.B. deutlich mehr Geschwindigkeit bei der Entscheidungsfindung gefordert als bei der Entwicklung von z.B. Unternehmenswerten.

Aber auch Konsequenz und das treffen von harten Entscheidungen können durchaus ethisch. Entlassungen z.B. sind nicht per Definition unethisch. Der Kontext ist entscheidend. Wichtig ist aber die Unterscheidung zwischen Inhaltsethik und Prozessethik. Ist meine inhaltliche Entscheidung – unter Einbeziehung aller relevanten Dimensionen – ethisch vertretbar? Wie kommuniziere ich sinnvoll – also menschgerecht – in einer solchen Situation?

Status zur Initiative Internetstadt Köln

Im Februar war ich auf dem Barcamp zur Initiative “Internethauptstadt Köln“. Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt Köln als Internetstadt zu positionieren.

Köln muss nun seine Kraft einsetzen, um als “Internetstadt Köln” unter die Top-3 der europäischen und Top-10 der weltweiten Internet-Metropolen zu gelangen. Der Anspruch an diesen zielgerichteten Entwicklungsauftrag entspricht in seiner qualitativen Dimension durchaus der Mitte der 80er Jahre formulierten Zielprojektion von der “Medienstadt Köln”!

Dafür wurde ein 11 Punkte-Plan entwickelt. Letzte Woche wurde der Antrag zur Internetstadt Köln nun beschlossen. Valentina Kerst – die die Initiative als “Schnittstelle” zwischen Wirtschaft und Politik begleitet – hat etwas zur interesssanten aber auch irritierenden politischen Diskussion im Rat geschrieben. Dort wurde auch das “haupt” aus dem ursprünglichen Antrag gestrichen. Jetzt ist es also einfach nur noch Internetstadt Köln. Das ist sicherlich zu verschmerzen. Wichtig ist, dass  es weiter geht.

Im 4. Quartal wird es dann etwas konkreter. Folgender Beschluss für die nächsten Schritte wurde verabschiedet:

“Der Rat beauftragt die Verwaltung bis zum 4. Quartal 2010 mit der Erstellung eines Gesamtkonzeptes einschließlich finanzieller Betrachtungen, um Kölns Profil im Bereich Internet wirksam zu optimieren.”

Ich hatte die Chance auf dem Likemind Köln kurz mit Valentina zu sprechen. Im Video sagt sie was zum aktuellen Stand der Initiative, den nächsten Schritten und begleitenden Initiativen wie z.B. einer Internetwoche Köln.

Interessante Fakten zu LinkedIn

Anfang Mai war ich auf einem LinkedInsiders Treffen in Herdecke. Auf dem Treffen habe ich sehr interessante Einblicke in Philosophie und Funktionsweise von LinkedIn bekommen. Und ich bin ziemlich beeindruckt. Konstantin Guericke – einer der Gründer und das deutsche Gesicht von LinkedIn – hat dazu ein paar interessante und teilweise ziemlich eindrucksvolle Fakten rumgeschickt.

F: Wie viele neue Mitglieder hat LinkedIn in den letzten 111 Tagen bekommen?
A: 10 Mio (von 60 Mio auf 70 Mio)

F: Wie viele Mitglieder hat LinkedIn in Europa?
A: 16 Mio http://lnkd.in/95csrW

F: Wie viele aktive Nutzer hat LinkedIn in Europa?
A: 14,6 Mio monatliche Besucher (März 2010, comScore)

F: Wie viele aktive Nutzer im deutschsprachigen Raum?
A: 1,7 Mio (März, comScore), 513% Wachstum im Vergleich zum März 2009

F: Wie viele Suchen wurden 2009 auf LinkedIn gemacht?
A: Über 1 Milliarde

F: Wie viele Gruppen gibt es auf LinkedIn?
A: 629,000 http://www.linkedin.com/groupsDirectory

F: Wie viele Mitarbeiter hat LinkedIn?
A: 600 (300 mehr sollen in den nächsten sieben Monaten eingestellt werden)
http://www.businessinsider.com/linkedin-looks-to-almost-double-headcount-in-2010-2010-6

F: Wo gibt es LinkedIn Büros?
A: USA, Toronto, Indien, Australien, London, Dublin und Amsterdam
http://www.linkedin.com/companies/1337

Meine Meinung zu HackFwd dem Inkubator von Lars Hinrichs

Lars Hinrichs, der Gründer von Xing, hat gerade über Twitter angekündigt, dass er HackFwd, einen europäischen Incubator aufgesetzt hat. Aktuell gibt es eine schön designte Webseite, die allerdings noch nicht so viel Tiefe bietet und nach der Ankündigung auf Techcrunch durch den Ansturm wohl ziemlich in die Knie gegangen ist (zumindest war sie gerade noch sehr langsam).

Was bekommen die Gründer von HackFwd?

  • HackFwd versteht sich nicht als Inkubator, sondern das Startup verbleibt am Gründungsort
  • HackFwd kümmert sich um die rechtlichen und administrativen Aufgaben der Gründung
  • Außerdem gibt es Unterstützung bei UX, Marketing, Marke etc. durch HackFwd oder Partner
  • Vierteljährliche Un-Konferenzen zum Austausch

Wie sieht der Deal aus?

  • Startups bekommen genug Geld für ein Jahr (Gehalt sollte dem bisherigen Gehalt der Gründer entsprechen)
  • Gründer bekommen 70% der Anteile
  • HackFwd bekommt 27%
  • die Gründer haben 3% um an Berater zu geben

Insgesamt finde ich die Inkubator-Idee (offiziell ist es ja kein Inkubator, aber für mich ist es ein Inkubator der dezentral aufgestellt ist) super. Sowas fehlt in Europa – insbesondere in Deutschland – noch. Dabei finde ich sehr gut, dass HackFwd keine CopyCats sucht, sondern ganz bewusst auf eigenständige und Innovative Produktideen setzt.

Der Deal schreckt mich auf den ersten Blick etwas ab. Nach dem ersten Jahr halten die Gründer nur noch 70%. Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens, das Produkt ist bereits profitabel und wirft genug Geld ab, dass ein weiteres Wachstum aus dem Cash-Flow finanziert werden kann. Das ist das sehr unwahrscheinliche Szenario. Zweitens, das Produkt braucht eine Anschlussfinanzierung. Und das ist das wahrscheinliche Szenario.

Ich bin kein Fan davon, wenn die Gründer in den ersten 1-3 Jahren weniger als 50% halten. Ich glaube, dass dadurch das Unternehmertum gehemmt wird (oder nicht richtig zur Entfaltung kommt). Die Gefahr ist für mich eine Veränderung von einer unternehmerischen Denke zu einer Angestellten-Denke. Der Investor als neuer Boss. Dazu aber in einem späteren Post mehr.

Da HackFwd in Konkurrenz zu anderen europäischen Inkubatoren wie z.B. Seedcamp in London tritt, werden sie auch mit den dortigen Deals konkurrieren. Dort geben die Gründer i.d.R. Anteile zwischen 6% und 10% ab. Allerdings bekommen sie dort auch weniger Geld (Überbrückung einiger Monate) als bei HackFwd.

Hier das wirklich sehr schön gelungene Video zu HackFwd:

Was meint Ihr? Was haltet Ihr von HackFwd?

Meine Rezension von Delivering Happiness von Tony Hsieh (CEO von Zappos)

Ich habe mich sehr gefreut als ich im April ausgewählt wurde, eine Rezension über das heute erscheinende Buch “Delivering Happiness” von Tony Hsieh – CEO von Zappos - zu schreiben (siehe auch meine älteren Post über Tony Hsieh und Corporate Policies).

Während meiner Fahrradtour in den Alpen habe ich mir die Zeit für das Buch genommen. Und es hat sich gelohnt. Aber der Reihe nach.

Das Buch ist aufgeteilt in drei wesentliche Bereiche “Profits”, “Profits and Passion”, “Profits, Passion and Purpose”. Hier ein kurzer Abriss über den Inhalt und meine Meinung dazu.

Profits

Dieser Bereich enthält Geschichten und Anekdoten aus Tony’s Kindheit, Jugend und ersten Berufserfahrungen. Von seinen ersten Business-Ideen, über einen langweiligen Job bei Oracle, seinen finanziell erfolgreichen Exit bei LinkExchange bis hin zu seiner Zeit als Investor und schließlich als CEO eines seiner investierten Startups: Zappos.

Insgesamt bietet der erste Teil einen guten und kurzweiligen Einblick auf die Person Tony Hsieh. Die Anekdoten sind amüsant, teilweise etwas banal, erzählt.

Interessant fand ich den Vergleich zwischen Poker und Entrepreneurship runtergebrochen auf verschiedene Unternehmenbereiche. Sätze wie “The guy who wins the most hands is not the guy who makes the most money in the long run” klingen zwar nach Abreißkalender, können für Unternehmer aber sehr gut als begleitende Idee dienen. Den Weg zu kennen und den Weg zu gehen ist bekanntlich ein Unterschied.

Profits and Passion

Dieser Teil ist deutlich business-orientierter ausgelegt. Tony beschreibt die schwierige Anfangszeit bei Zappos. Beeindruckt hat mich, dass er letztendlich sein komplettes – beim LinkExchange-Exit verdientes – Vermögen (über 20 Mio. Dollar) in der Krisenzeit investiert hat um Zappos am Leben zu halten. Schließlich erfährt man wie und warum Zappos schließlich gewachsen und wie die Zappos eigene Wertekultur entstanden ist. Dabei gibt es immer wieder schöne Einschübe von Wegbegleitern und Original-Mails aus der Zeit, die den Lesefluss auflockern.

Die Story ist die amerikanische Bilderbuchgeschichte. Der erfolgreiche Millionär, der fast Pleite geht weil er sein gesamtes Vermögen auf seine Leidenschaft setzt, schafft es aber im letzten Moment und baut anschließend ein erfolgreiches eCommerce-Unternehmen mit über einer Milliarde Umsatz.

Zum Glück ist es nicht schwülstig, sondern durchaus authentisch geschrieben. Allerdings fehlt mir hier die Tiefe. An der ein oder anderen Stelle gibt es zwar Checklisten wie: “Top 10 ways to instill customer service into your company” oder ähnliches. Einen wirklichen Einblick wie man es macht bekommt man aber nicht. Das ist aber wahrscheinlich auch nicht die Idee des Buches.

Einen schönen persönlichen Touch erhält dieses Kapitel durch die Erfahrungen und Erlebnisse von Zappos-Mitarbeitern zu jedem der 10 “Core Values”. Auch wenn die Geschichten teilweise trivial sind, habe ich doch den Eindruck, dass die Werte dort wirklich verinnerlicht wurden.

Profits, Passion and Purpose

Im letzten Teil beschreibt Tony – durchaus authentisch – wie und warum sie der Übernahme durch Amazon zugestimmt haben. Für mich habe ich wenig Neues gefunden, da das meiste bereits auf dem Zappos-Blog veröffentlicht wurde und ich den Blog verfolge.

Das letzte Kapitel (“End Game”) ist Tony’s persönliche Mission oder sein “purpose”. Und das merkt man. Er möchte die Welt “glücklich” machen. Dazu hat er sich von seinem chronologischem und autobiographischem Erzählstil gelöst. Er beschreibt im Stile eines Sachbuches die neuesten Erkenntnisse der Glückswissenschaft. Dies war für mich der spannendste Teil, weil ich mich noch nicht wirklich mit der Glückswissenschaft auseinander gesetzt habe, die Konzepte aber durchaus einleuchtend finde.

Was bleibt?

Insgesamt finde ich “Delivering Happiness” ein gelungenes Buch. Der Leser bekommt einen guten Einblick in die Biographie von Tony Hsieh und eine Ahnung davon wie ein werte- und kulturorientiertes Unternehmen erfolgreich aufgebaut werden kann. Wie bei den meisten Büchern finde ich, es hätten auch einige Seiten weniger sein können (es sind insgesamt 244).

Wer als Unternehmer nun erwartet er bekommt praktische Tipps wie er z.B. seinen Kundenservice verbessern kann der wird sicherlich enttäuscht sein. Es ist kein Handbuch für Kundenservice oder werteorientiertes Management und will es auch gar nicht sein. Aber es ist ein gutes Beispiel dafür, dass Leidenschaft, Werte und Profite sich nicht widersprechen müssen.

PS: Eine Frage ist für mich während des Lesens unbeantwortet geblieben: Was ist mit Nick dem ursprünglichen Gründer von Zappos passiert? Oder habe ich das überlesen?

Hinweis: Zappos hat mir insgesamt vier Bücher zugeschickt. Drei werde ich in den nächsten Tagen verlosen.

Wer Interesse hat kann das Buch hier kaufen: Delivering Happiness